KÖRPER
Er war jung und mit seiner plötzlichen Hilflosigkeit noch nicht vertraut; meist saß er still, und wenn er sich im Wohnzimmer bewegen musste, stützte er sich mit den Händen ab und sprang von Stuhl zu Stuhl. Er war damit beschäftigt, über einen neuen Lebensstil nachzudenken – eine ungewöhnliche Beschäftigung für den geborenen Seemann; manchmal blieb er sogar erstaunt stehen. Er war gebrechlich, er war verkrüppelt! Fürs Erste gelang es ihm, sich ein Boot zu besorgen und ein wenig für den Eigenbedarf zu fischen. Er hatte eine schwere Verletzung erlitten, einen unumstößlichen und dauerhaften Makel an seinem Körper, aber nachdem er dieses von Wundbrand befallene Bein abgetrennt und die Folgen überwunden hatte, blieb ihm doch eine schwere Last, eine unermessliche Kraft, zurück. (Die Frauen am Wasserrohr, 1920)
Hamsuns Vitalismus (vom lateinischen vita : Leben) lässt sich unter anderem an seiner positiven Darstellung eines guten und starken Körpers ablesen.
Der bevorzugte Körper in Hamsuns Werken ist der arbeitende Körper, wie er in „Isak på Sellanraa“ dargestellt wird. Ein dorniger, verfeinerter Körper, wie ihn Eleseus in „Markens grøde “ (1917) trägt, bildet das negative Gegenbild. Ebenso negativ ist die drastische Beschreibung des körperlichen Verfalls im Zusammenhang mit dem Alter, deren eindrücklichstes Beispiel die alten Männer Mons und Fredrik Mensa in „Benoni “ (1908) sind. Dennoch können deformierte oder beschädigte Körper geistige Stärke und Kraft symbolisieren, wie etwa bei Minunt in „Mysterier “ (1892), Oliver in „Konene ved vannposten“ (1920) und Anton Moss in „Siste kapittel “ (1923).
Der Architekt des Hamsun Centers auf Hamarøy, Steven Holl, sagte über das Gebäude: „…es ist wie ein Körper, ein Schlachtfeld für unsichtbare Kräfte.“